30.04.2020

Wie Finanzierungs-Probleme den Journalismus belasten und welche Lösungen es geben könnte

Die Corona-Krise sorgt auch für eine Verschärfung der Medienkrise. Vertreter der Branche sowie aus Politik, Stiftungen und Wissenschaft diskutierten auf Einladung des Instituts für Journalistik über Auswege.

Die Frage, wie unabhängiger Journalismus in Zukunft sichergestellt werden kann, stand im Fokus der Online-Diskussion, an der sich rund 40 Vertreterinnen und Vertreter der Medienbranche sowie aus Politik, Stiftungen und Wissenschaft beteiligten. Hier ein Ausschnitt der Teilnehmer-Runde.

Qualität und Vielfalt des Journalismus sind in Gefahr. Denn viele Teile der Branche haben Probleme, ihre Arbeit zu finanzieren. Die Corona-Krise verschärft diese Situation noch. Die Nachfrage nach Informationen ist so hoch wie lange nicht, aber Medienhäusern brechen gleichzeitig Werbeeinnahmen weg. In dieser Bestandsaufnahme sind sich Journalisten, Stiftungsvertreter, Wissenschaftler und Politiker einig, doch an möglichen Lösungen muss noch gearbeitet werden. Das zeigte die Videokonferenz „Innovative Wege zur Sicherung der Qualität und Vielfalt der Medien“, zu der das  Institut für Journalistik (IJ) eingeladen hatte. Professor Holger Wormer, Geschäftsführender Direktor des IJ, begrüßte etwa 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Sie debattierten, wie unabhängiger Journalismus in Zukunft sichergestellt werden kann. Die Professorinnen und Professoren des Instituts hatten diesen Austausch in einem gemeinsamen Appell angeregt.

Henrik Müller, Professor für Wirtschaftspolitischen Journalismus, erklärt den Dortmunder Aufruf: „Wir Hochschullehrer haben von dramatischen Entwicklungen in den Redaktionen gehört.“ Das Interesse der Bürger an Journalismus wachse im Zuge der Corona-Krise zwar. Die Menschen hätten einen Bedarf nach korrekten Informationen. Doch gleichzeitig breche Medien, gerade den privatwirtschaftlichen, ihr Geschäftsmodell weg. In vielen Redaktionen gebe es Sparprogramme und Kurzarbeit. Unter Journalistinnen und Journalisten würden sich Existenzängste ausbreiten, sagt Müller. „Eine perverse Entwicklung.“

Diese Lage wird zum gesellschaftlichen Problem. „Wo der Journalismus stirbt, stirbt die Demokratie“, sagt Müller. Es seien Qualitätsmedien, die demokratischen Gesellschaften zeigen, wer sie sind und wo Probleme liegen. Ebenso blicke das Institut für Journalistik auf den Nachwuchs in der Ausbildung. Das IJ präferiere keine spezifischen Ansätze zur Lösung der Finanzierungskrise des Journalismus, sagte Müller – solange jeweils Unabhängigkeit und Staatsferne gewährleistet seien. Tatsächlich sind die Ansätze, die die Konferenz liefert, vielfältig. Die dringenden Baustellen allerdings auch.

Bestandsaufnahme: Wie gravierend ist die gegenwärtige Medienkrise? Was verändert sich durch Corona?


Finanzierungsprobleme gibt es in vielen Redaktionen, zeigt die Video-Debatte. Corona verschlimmert die Lage. Vorrangig betroffen sind private Medienhäuser. Lokale Fernseh- und Radiosender trifft es besonders hart, da sie oft fast ausschließlich von Werbung leben. Auch bei Zeitungen werden die Sorgen größer.

Dennoch möchte Peter Freitag, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union, nicht von einer Medienkrise reden. „Wir haben einen Medienboom“, sagt der Gewerkschafter. „Was wir haben sind Finanzierungsprobleme.“ Diese Situation habe es aber schon in den Jahren vor Corona gegeben. „Viele Verlage sind sehenden Auges in diese Situation gelaufen, weil sie es versäumt haben, digitale Angebote zu monetarisieren“, kritisiert Freitag. Aus gewerkschaftlicher Sicht gebe es nun ein Problem bei der Beschreibung der Krise: Es bestehe keine Chance, in die Bilanzen der Verlage zu gucken. „Unsere Auffassung ist, dass zumindest vor der Corona-Krise die wirtschaftlichen Verhältnisse privater Zeitungsverlage nicht so schlimm waren, wie sie dargestellt wurden.“

Volkmar Kah, Geschäftsführer des Deutschen Journalisten-Verbands in NRW, ist der zweite Gewerkschafter in der Runde. Er nennt die gegenwärtige Lage „ambivalent“. Man müsse in Redaktionen mehr arbeiten, als man es jemals getan habe. Gleichzeitig berichtet er von Redaktionen im Hörfunk, die Rettungspakete brauchen. Er stelle fest, dass nun alternative Finanzierungsmodelle, die man schon im Jahr 2014 debattiert habe, intensiver anzuschauen wären. Das müsse auch nach der Corona-Krise noch passieren.

Alexander Marinos, stellvertretender Chefredakteur der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ), liefert zumindest eine positive Nachricht. Bislang habe sein Haus keine Kurzarbeit für die Redaktion angemeldet. „Das haben wir in absehbarer Zeit auch nicht vor.“ Trotzdem: Erfreulich ist seine Sicht der Dinge im Hinblick auf die Printprodukte nicht. „Das Geschäftsmodell bricht schon länger weg. Corona ist ein Beschleuniger“, sagt Marinos. Obwohl in seinem Hause nur noch ein Viertel der Einnahmen aus der Werbung kommen, sorge Corona für nennenswerte Einbrüche. Kleinen Medienhäusern gehe so langsam die Luft aus. „Und Luft heißt Zeit für neue Geschäftsmodelle.“ Besonders in ländlichen Regionen sieht Marinos journalistische Medien in Gefahr. „Die Logistikfinanzierung übersteigt dort vielerorts die Kosten für die Redaktion.“ Die WAZ baue als Teil von Funke Medien NRW konsequent auf neue digitale Vertriebserlöse und sei mit Produkten wie WAZ.de gerade jetzt erfolgreich unterwegs.

Beim Singener Wochenblatt sind die Folgen der Krise offenbar noch spürbarer. Im Mai müssen die ersten Kollegen in Kurzarbeit, berichtet Anatol Hennig. Er ist Verlagsleiter der kostenlosen Wochenzeitung aus Baden-Württemberg mit einer Auflage von 85.000 Exemplaren, die auf „lokalen seriösen Journalismus“ setze. Corona sei wie ein Zeitraffer für das Auftretend von Problemen der Branche. „Wir fragen uns, wie Journalismus für alle weiterhin funktioniert“, sagt Hennig. Auf staatliche Hilfe könne er wohl nicht setzen. „Als kostenlose Wochenzeitung sind wir offensichtlich für die Politik in Stuttgart und Berlin nicht relevant, für die Politik vor Ort und die Bundestags- und Landtagsabgeordneten in ihren Wahlkreisen hingegen sehr. Das verstehen wir nicht.“

Der Mangel an Werbung trifft freilich auch Abonnentenzeitungen. Dabei gibt es durchaus Werbeerlöse. „Die landen vor allem bei Google und Facebook“, sagt Albrecht Ude, Journalist aus Berlin. Über die immer weitere Verschiebung der Medienmacht zu diesen Häusern müsse man in der Krise reden.

Exemplarisch für die momentane Entwicklung steht die Situation freier Journalisten. Ihre Honorare galten schon vor Corona in vielen Redaktionen als überschaubar. Nun verschärfen sich Probleme. „Da werden Etats noch mal gekürzt“, sagt Christina Elmer, Vorstandsmitglied beim Verein Netzwerk Recherche. Sie fordert: „Man sollte sich Soforthilfen auch als Gehalt auszahlen können.“ Damit meint sie das Geld aus Corona-Paketen, das die Bundesländer Selbstständigen nun zahlen. Das darf in vielen Ländern nur für Betriebsausgaben wie ein Büro genutzt werden, nicht aber für den Lebensunterhalt. Gewerkschafter Kah betont die Bedeutung von freien Mitarbeitern: „Lokaljournalismus wäre vielerorts ohne Freiberufler nicht möglich.“

Chancen: Welche Handlungsoptionen gibt es bereits, um Qualitätsjournalismus zu sichern?


Erste staatliche Hilfen gibt es bei der Unterstützung von lokalen TV- und Rundfunkanstalten. Phillip Franke, Leiter des Medienreferats im Staatsministerium Baden-Württemberg, berichtet, dass das private Regionalfernsehen mit Geld aus dem Landeshaushalt unterstützt werden soll. Dadurch habe die Landesmedienanstalt mehr Luft für andere Förderprojekte, wie beispielsweise eine Senkung der Verbreitungskosten des lokalen Hörfunks.

Auch in Brandenburg liege der Fokus aktuell auf dem Lokaljournalismus, so Jan Czemper aus der dortigen Staatskanzlei. „Wir wollen die Journalismusförderung im Lokalen etablieren und sind aktuell dabei, konkrete Förderrichtlinien zu entwickeln.“ Dabei wolle man neben Technikförderung auch auf Inhalteförderung lokaljournalistischer Angebote von Rundfunk, TV- und Anbietergemeinschaften setzen. Die Staatsferne, sprich die politische Unabhängigkeit der Berichterstattung, soll aber auch dabei gewahrt werden.

Beim Vorgehen der Länder gibt es Differenzen. Eine Inhalteförderung gebe es in Nordrhein-Westfalen nicht, so Simone Jost-Westendorf von der Landesmedienanstalt NRW: „Wir wollen vor allem die Entwicklung von stabilen Geschäftsmodellen fördern. Dabei setzen wir nicht auf die Förderung einzelner Journalisten, sondern interdisziplinärer Teams.“

Martin Rabanus ist Sprecher für Kultur und Medien der SPD-Bundestagsfraktion. Er unterstützt den Fokus auf lokaljournalistische Angebote, den die Verantwortlichen auf Landesebene anstreben. Dort sei die Gefährdung aktuell am größten. „Wir haben daher im Koalitionsvertrag bereits eine Zustellförderung für Zeitungen und Anzeigenblätter über 40 Millionen Euro beschlossen“, berichtet der SPD-Politiker. Diese Summe ist für WAZ-Mann Marinos jedoch deutlich zu gering. „Wenn ich polemisch wäre, müsste ich fragen, ob da ein paar Nullen fehlen.“ Grundsätzlich sei es aber richtig, auf die Förderung der Logistik zu setzen. Holger Wormer verweist indes auf die Debatte, ob eine Zustellförderung der Medienhäuser am Schluss wirklich bei den einzelnen Journalistinnen und Journalisten und ihrer redaktionellen Arbeit ankäme.

Während der Corona-Krise sind bei vielen Menschen vor allem Erklärungen der Pandemie gefragt. Trotzdem mache sich die Krise auch im Wissenschaftsjournalismus bemerkbar, berichtet Franco Zotta, Geschäftsführer der Wissenschaftspressekonferenz (WPK). Selbst Medienhäuser, von denen man es nicht erwarten würde, hätten Aufträge für Freie Journalisten gestoppt oder stark eingeschränkt. Deshalb habe die WPK Anfang April einen Recherchefonds Covid-19 gestartet. Dort können nicht nur Wissenschaftsjournalisten Anträge auf eine schnelle Förderung für Themen rund um Corona stellen. „Wir bekommen dafür sehr viele Anträge“, sagt Zotta, in drei Wochen seien es bereits rund 40 gewesen: „Insgesamt haben wir bereits 35.000 Euro ausgeschüttet.“ Einzelne Projekte bekommen bis zu 4.000 Euro. 

Ausblick: Was ist in Zukunft zu tun?

Dass der Journalismus insgesamt deutlich mehr Förderung benötigt, um Herausforderungen zu bewältigen, darüber besteht Einigkeit unter den Diskutanten. Auch Stiftungen könnten hier noch mehr tun: „In Deutschland gibt es fast 23.000 Stiftungen. Von diesen fördern aktuell jedoch nur knapp 100 journalistische Projekte“, berichtet Stephanie Reuter, Geschäftsführerin der Rudolf-Augstein-Stiftung. Deswegen versuche sie, bei anderen Stiftungen für Engagements im Journalismus zu werben. Dabei müsse man oft erst ein Bewusstsein für die aktuelle Marktlage schaffen. „Da der Journalismus nicht als gemeinnützig anerkannt ist, gibt es zudem oft rechtliche Hürden“, sagt Reuter.

„Es gab bereits Reformbemühungen, die Gemeinnützigkeit in der Abgabenordnung um einen weiteren Zweck zu ergänzen, nämlich den Journalismus“, erläutert Thomas Schnedler, Projektleiter bei Netzwerk Recherche. Dadurch würden sich Steuererleichterungen für gemeinnützigen Journalismus ergeben. Es sei an der Zeit, dies wieder auf die Tagesordnung zu setzen. Dafür haben Netzwerk Recherche, die Rudolf-Augstein-Stiftung und verschiedene weitere Akteure das Forum Gemeinnütziger Journalismus gegründet. Ziel sei es, gemeinnützigen Journalismus in Deutschland zu etablieren, wie es in anderen Staaten bereits der Fall ist.

WPK-Geschäftsführer Zotta hält dieses Engagement für sinnvoll. Er stellt aber klar, dass aktuell eine Förderung auf privatem Weg nicht ausreichend ist. Stiftungsfinanzierung allein reiche nicht aus, um den Transformationsprozess journalistischer Medien zu finanzieren. Hier müssten Wege gefunden werden, um mit staatlichen Mitteln Medieninnovationen zu fördern: „Der Staat muss darüber nachdenken, in welcher Form er Mittel zur Verfügung stellen kann. Das hat natürlich Probleme wie die Wahrung der Staatsferne. Aber ich sehe aktuell keine realistische Alternative.“ Der SPD-Bundestagsabgeordnete Rabanus stimmt Zotta zu. Dazu sei allerdings verfassungsrechtlich eine Kooperation von Bund und Ländern, etwa in Form eines Staatsvertrags, nötig. Nur so könne man relevante Summen in die Förderung von Journalismus fließen lassen. Allerdings beobachtet er hier derzeit noch keine große Bewegung unter Medienpolitikern.

Jenseits der bloßen Finanzierung verweisen einige Teilnehmer auch auf andere Felder, in denen mehr Aktivität gefragt sei. Jan-Henning Rogge, Online-Redakteur beim Mindener Tageblatt, sagt, dass es auch auf Medienkompetenz in der Bevölkerung ankomme. Er ist für sein Haus an Schulen unterwegs. Die Quintessenz aus diesen Gesprächen: „Wir brauchen eine Förderung der Medienkompetenz, damit wir morgen auch noch Leser haben. Sei es Print oder Online.“

Eine bessere Datengrundlage für mögliche Hilfen ist ein weiterer Ansatz. „Es wäre gut, wenn man den momentanen Strukturwandel empirisch unterfüttern kann. Dazu brauchen wir eine wissenschaftliche Zustandserhebung der deutschen Medienlandschaft. Damit wir dann der Politik und anderen Akteuren sagen können, welche Entscheidungen wir auf dieser Basis treffen sollten“, fordert Zotta. Der Medien- und Kommunikationsbericht der Bundesregierung gehe da nicht weit genug. Andere Teilnehmer verweisen auf Vorbilder aus dem Ausland oder Papiere zur Orientierung in einzelnen Bundesländern (z.B. Abschlussbericht des Runden Tisches „Medienzukunft Baden-Württemberg“).

Das Institut für Journalistik bedankt sich für die angeregte Diskussion. In der Auftaktvideokonferenz sei es, anders als in manch anderen Runden, weniger um Partikularinteressen einzelner Akteure gegangen, sondern um erste Lösungsansätze für ein gemeinsames Anliegen, so Institutsgeschäftsführer Prof. Holger Wormer. Man werde nun die verschiedenen Handlungsstränge weiter strukturieren und zusammen mit weiteren Beiträgen auf der Institutswebseite darstellen. Auch Prof. Henrik Müller bekräftigt, dass das Institut für Journalistik das Anliegen zur Sicherung der Qualität und Vielfalt der Medien zusammen mit den Beteiligten voranbringen will. Der Austausch soll möglichst noch im Mai fortgesetzt werden.



Text: Janis Beenen und Timo Halbe, Studenten des Wirtschaftspolitischen Journalismus am IJ