11.08.2021

"Reduktion von Komplexität ist heute im Internet-Zeitalter wichtiger denn je"

Zum 40-jährigen Journalistik-Diplom-Jubiläum haben wir IJ-Absolvent Helmut Hetzel drei Fragen zum Journalismus und seiner Studienzeit gestellt.

Helmut Hetzel im Jahr 2019 beim Kongress der Vereinigung Europäischer Journalisten (VEJ) in Prag. Foto: Helmut Hetzel

Helmut Hetzel während seines Studiums im Jahr 1977. Foto: Helmut Hetzel

Helmut Hetzel hat von 1976 bis 1981 Journalistik am IJ studiert und gehört damit zu den ersten Absolventen unseres Instituts. Kurz nach seinem Studienabschluss arbeitete er zwei Jahre lang als Auslandskorrespondent in Peking und kam auch danach viel herum: So war er als Reporter in Asien, Afrika, den USA, Südamerika und vielen europäischen Ländern tätig. Seit 1985 Jahren lebt und arbeitet er in den Niederlanden, die, wie er sagt, zu seiner neuen Heimat geworden sind.

Zum 40-jährigen Diplom-Jubiläum haben wir Helmut Hetzel drei Fragen zum Journalismus und seiner Studienzeit am IJ gestellt:

Ist Journalismus heute weniger wichtig oder wichtiger als vor 40 Jahren? Warum?

Wichtiger. Wichtiger, weil die sich im Internet ausbreitende Desinformation die Glaubwürdigkeit des Journalismus insgesamt in Frage stellt. Wichtiger, weil wir spätestens seit dem Internet im weltweiten Global Village leben. Wichtiger, weil die Nachrichtenflut uns zu ertränken droht. Niklas Luhmann antwortete mir einmal auf die Frage: Was ist Journalismus? mit den Worten: „Reduktion von Komplexität.“ Die ist heute im Internet-Zeitalter wichtiger denn je – die Spreu vom Weizen trennen – sonst sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr!

Welche Fähigkeiten und Erkenntnisse, die Sie in Ihrem Studium am IJ erlernt und gewonnen haben, haben Sie durch Ihr Berufsleben begleitet?

Reflexion und Selbstkritik. Dinge, insbesondere Nachrichten, hinterfragen und einordnen. Nachricht und Meinung in der Berichterstattung trennen. Fair sein, pro und contra Meinungen möglich machen und tolerieren. Glaubwürdig sein mit der eigenen Berichterstattung. Sie muss stimmen, sachlich richtig und gut recherchiert sein. Vertrauen haben gegenüber Interview-Partnern. Niemals versuchen, einen Interviewpartner „in die Pfanne zu hauen.“ Kritisch fragen, ja, aber auch zuhören, was er/sie sagt und nachfragen, nachbohren. Interviews – sofern sie nicht live sind – autorisieren lassen.

Ich könnte hier viele Beispiele nennen. Eines soll genügen: Mein weltweit Schlagzeilen machendes Interview mit dem einstigen und ersten Präsidenten der Europäischen Zentralbank EZB Wim Duisenberg. Es hat den Wechselkurs Euro/Dollar bewegt. Es erschien zuerst in der WELT, der Börsen-Zeitung, Finanz und Wirtschaft, wurde vom Wall Street Journal und von Medien in Japan nachgedruckt und auch anderswo in der Welt häufig zitiert.

Ich habe mit Wim Duisenberg, den ich sehr gut kannte, noch vor der Publikation des Interviews telefoniert, nachdem er es schon autorisiert hatte, und sagte zu ihm: „Wim, das Interview wird den Euro-Dollar-Kurs beeinflussen.“ Seine – wie immer coole Antwort -, lautete: „Ja klar, Helmut, das will ich ja.“ Übrigens habe ich - nicht nur für dieses Interview mit Wim Duisenberg -, sondern für meine Berichterstattung über die Einführung des Euro insgesamt den Europäischen Journalistenpreis von der EU in Brüssel erhalten.

An welche Dinge aus Ihrem Studium am IJ erinnern Sie sich noch heute gerne zurück?


An den offenen, freundschaftlichen, hilfsbereiten, menschlichen, herzlichen Umgangston, der 1976 am gerade neu gegründeten Institut für Journalistik herrschte. Es waren Gründerzeiten. Wir waren, wenn man so will, eine Familie. Kurt Koszyk, „der Vater des IJ“, war an der Uni immer etwas auf Abstand bedacht, aber wenn man ihn zuhause privat besuchte, immer für einen privaten Plausch zugänglich.

Frauke Höbermann war „die Mutti“´ des IJ, die Studenten, die Hilfe oder einen Rat brauchten, immer die helfende Hand reichte und eine Antwort oder einen Ratschlag parat hatte. Frauke war das Herz und die Seele des IJ.

Uli Pätzold brachte das Berliner Flair und die Freisinnigkeit, das freie und kritische Denken nach Dortmund ans IJ. Bei ihm habe ich meine Diplomarbeit über „Öffentliche Meinung“ geschrieben. Mit ihm habe ich auch einige interessante Forschungsprojekte realisieren können.

Claus Eurich entwickelte schon damals in seinen Seminaren eine „grüne Philosophie“, bevor es sie überhaupt gab, sozusagen avant la lettre. Er war seiner Zeit voraus. Er war der Philosoph am IJ.

Mit Gerd Kopper kam die Internationalität und die weite Welt ans IJ. Ihm verdanke ich auch, dass ich nach Abschluss meines Studiums nach Peking gehen konnte, um dort als Lektor für deutsche Sprache und Literatur zu arbeiten und als Auslandskorrespondent meine echte journalistische Laufbahn zu beginnen.

Inhaltlich liebte ich an den Seminaren – und den Abenden danach - die oft hitzigen Debatten der Anhänger der Kritischen Theorie (Adorno, Habermas, Marcuse, Wilhelm Reich) mit den Empiristen, den dogmatischen Kommunisten oder den Anhängern der Systemtheorie von Niklas Luhmann.

Das „Hohe Lied“´ auf das Lokale, auf den Lokaljournalismus, das einige ständig sangen, klang mir damals fremd in meinen Ohren. Ich wollte einfach nur Auslandskorrespondent werden und raus in die weite Welt. Das habe ich auch geschafft. Das Studium am IJ war das Sprungbrett dazu.

Mit Asien bin ich bis heute eng verbunden. Ich bin in den zurückliegenden 40 Jahren regelmäßig und sehr oft dort gewesen. Meine China- und Asien-Erfahrungen haben mich wesentlich geprägt und mein Weltbild fundamental verändert. China, Taiwan, Indonesien und Thailand sind so etwas wie meine zweite Heimat geworden.