27.11.2020

Neue Geschäftsmodelle: „Radikal neu denken und planen“

In unserer November-Videokonferenz zur Zukunft des unabhängigen Journalismus erklärten Jasmin Off, stellvertretende Chefredakteurin der Lübecker Nachrichten, und Michael Bröcker, Chefredakteur des Medien-Startups Media Pioneer, wie ihre digitalen Geschäftsmodelle aussehen.

Michael Bröcker, Chefredakteur von Media Pioneer, und Jasmin Off, stellvertretende Chefredakteurin der Lübecker Nachrichten

Im politischen Berlin gebe es kaum jemanden, der das Redaktionsschiff von Media Pioneer nicht kenne, sagte Michael Bröcker in seinem Impuls zum Start der Videokonferenz: „Wir sind schnell sehr bekannt geworden, was wohl vor allem an der Person Gabor Steingart liegt.“ Das Redaktionsschiff ist seit Frühjahr 2020 täglich auf der Spree unterwegs. Von dort aus produziert das Team von Media Pioneer um den Gründer Gabor Steingart werbefreie Podcasts, Live-Formate und Texte. Media Pioneer entwickle exklusive Inhalte für eine spezielle Zielgruppe, die sich vor allem für Politik- und Wirtschaftsthemen interessiere, sagte Bröcker.

Im Gegensatz zu vielen anderen Medien sind einige Podcasts bei Media Pioneer kostenpflichtig. Derzeit habe das Startup 6.500 zahlende Abonnentinnen und Abonnenten, sogenannte Pioneers. Mittelfristig strebe das Unternehmen 15.000 an und wolle ab Anfang 2023 schwarze Zahlen schreiben, so Bröcker.

Die Redaktion von Media Pioneer habe sich das Ziel gesetzt, vor allem ihre Community auszubauen. Mit ihren Formaten wolle sie einen anderen Blickwinkel auf Debatten richten, indem sie Perspektiven und Argumente wechsele. Die Redaktion setze im Vergleich zu Massenmedien eher wenige Themen, diskutiere diese jedoch tiefer. Ein weiterer Unterschied: „Wir rennen dem News-Cycle nicht hinterher“, sagte Bröcker. Debatten, die schon in anderen Medien „rauf und runter gelaufen“ seien, wolle man nicht unbedingt abbilden.

Sieht Bröcker dann eine Zukunft für Massenmedien in Deutschland, wollte Moderator Henrik Müller, Professor für Wirtschaftspolitischen Journalismus an der TU Dortmund, wissen. Bröcker bejahte, schränkte aber ein, dass das aus seiner Sicht nur für Massenmedien gelte, die sich digital anpassten. Die im Juni beschlossenen Millionenhilfen der Bundesregierung für Verlage sieht Bröcker kritisch: „Ich befürchte, dass das Geld in alte Geschäftsmodelle geht oder damit noch mehr Onlineberufsbörsen aufgebaut werden.“

Digitale Neuausrichtung veränderte das Bewusstsein

Jasmin Off, stellvertretende Chefredakteurin der Lübecker Nachrichten, die zur Madsack Gruppe gehören, hat es sich zum Ziel gesetzt, die Regionalzeitung digital neu auszurichten: „Wir mussten unsere Redaktion radikal neu denken und planen.“ Zunächst hätten ihr Team und sie die Kollegen erstmal von der Neuausrichtung überzeugen müssen. Eine Frage, die häufiger, übrigens nicht nur von älteren Redakteurinnen und Redakteuren kam, war: „Was ist überhaupt dieses Insta?“ Inzwischen sei man jedoch mit der Neuausrichtung deutlich weitergekommen. Pro Monat hätten die Lübecker Nachrichten ca. 3,5 Millionen Aufrufe auf ihrer Website, sagte Off in ihrem Impuls. In der LN+-App bieten die Lübecker Nachrichten seit einigen Monaten u.a. digitale Formate wie Livestreams mit dem Bürgermeister zur Corona-Lage und vom Trainingsgelände des VFB Lübeck sowie Newsletter an. Für einen bestimmten Zeitraum sind die Artikel in der App kostenlos, danach können sie nur noch Abonnenten lesen.

Bei vielen ihrer Kolleginnen und Kollegen habe sich im Prozess der digitalen Neuausrichtung ein Stück weit das Bewusstsein verändert. Früher sei es undenkbar gewesen, auf einem Termin sein Smartphone herauszuholen und ein Video zu drehen. Off erwarte von ihren Kolleginnen und Kollegen auch keine perfekten Videos, vielmehr sei es aus ihrer Sicht wichtig, sich auszuprobieren. Die Zeiten, in denen man am Tag ein „entspanntes Stück“ geschrieben habe, dass dann um 19:30 Uhr in die Zeitung komme, seien jedenfalls vorbei, sagte Off. Um die digitale Neuausrichtung der Lübecker Nachrichten zu beschleunigen, würde sie sich fünf weitere Leute für die Redaktion und fünf fürs Marketing wünschen, die sich mit digitalen Produkten, wie Podcasts oder Inhalten auf TikTok auskennen. Vor dem Hintergrund der geringeren Bereitschaft von Unternehmen in der Corona-Krise Anzeigen zu schalten, ist das aus ihrer Sicht jedoch im Moment unrealistisch.

Off nannte zwei Vorteile eines stärkeren Fokus aufs Digitale: Erstens seien die Redakteurinnen und Redakteure näher an den Leserinnen und Lesern dran. Die Redaktion komme einfacher mit ihnen ins Gespräch und könne ihnen einen Blick hinter die Kulissen geben, sagte Off. Ein weiterer Vorteil sei, dass die Redaktion besser sehen könne, welche Themen die Leute gerade am meisten interessierten. Thematisch habe sich in der Redaktion ein Wandel vollzogen. Demnach würde die Redaktion sich weniger auf regionale Termine z.B. von Vereinen konzentrieren, dafür mehr auf Themen, die für die Menschen in ihrem Alltag wichtig sind.

Digitale Reichweite stärken

Auf die Frage aus dem Plenum, wie „flüchtig“ die Abonnentinnen und Abonnenten seien, sagte Off, dass das vorrangige Ziel der Lübecker Nachrichten sei, neue Leute hinzuzugewinnen. Die „Haltbarkeit“ der Abonnements zu verlängern, sei weniger wichtig. Trotz der positiven Entwicklung der Abonnements sei es jedoch nach wie vor so, dass das Printgeschäft das Digitalgeschäft trage, sagte Off. Sie könne sich perspektivisch auch vorstellen, ein reines E-Paper-Abonnement einzuführen, um so die sinkenden Erträge aus dem Printgeschäft auszugleichen. Das Ziel der Lübecker Nachrichten sei es jedenfalls, die Zahl der Abonnements jährlich zu verdoppeln.  

Jasmin Off sowie Ralf Kubbernuß, stellvertretender Chefredakteur der Neuen Ruhr / Neuen Rhein Zeitung (NRZ), der an der Diskussionsrunde teilnahm, widersprachen gegen Ende der Videokonferenz der Ansicht von Michael Bröker, dass die Hilfen der Bundesregierung nur ins traditionelle Print-Geschäft fließen würden. Aus ihrer Sicht würden besonders regionale Verlage die Gelder als Anschubfinanzierung für die digitale Transformation verwenden.