26.11.2020

Konstruktiver Dialog über die Erwartungen an den Journalismus ist unerlässlich

Welche Rolle sollten Journalistinnen und Journalisten in unserer Gesellschaft einnehmen? Diese Frage stand im Fokus einer Online-Diskussionsrunde mit Gästen aus Politik und Journalismus.

Die Veranstaltung wurde von einem Forschungsteam am IJ organisiert, das an einer Studie zum Thema arbeitet. Die Studie unter Leitung von Michael Steinbrecher und Günther Rager widmet sich der Frage, welche Erwartungen verschiedene Gruppen an den Journalismus haben. Seit dem Frühjahr 2019 führt das Forschungsteam Befragungen unter Journalist*innen und Politiker*innen durch. In der Konferenz „Die Gesellschaft und ihr Journalismus. Von Erwartungen, Idealen und Kritik“ diskutierten Steinbrecher, Rager und ihr Team Mitte November mit Vertreter*innen aus Politik und Journalismus über erste Ergebnisse (einige Auszüge hier).

Misstrauen gegenüber Journalist*innen

Für die Begrüßung trafen sich alle Teilnehmer*innen gemeinsam in einem Zoom-Raum. Michael Steinbrecher leitete die Veranstaltung mit einem Beispiel aus einem früheren Masterseminar ein. Eine Journalistik-Studierende erzählte von dem Misstrauen ihrer Mutter, die das Radio am Essenstisch ausschaltete, weil sie die Sensationsgier der Medien nicht mehr ertrage. Solche Vorwürfe – auch aus dem engsten Kreis – sind für Journalist*innen nicht untypisch. Das macht einen konstruktiven Dialog über die Erwartungen an den Journalismus unerlässlich. „In Anbetracht der momentanen Berichterstattungen zu Themen wie Wahlen, Klimawandel und der Pandemie kann ich mir kein aktuelleres Thema vorstellen“, bestätigt Prof. Manfred Bayer, Rektor der TU Dortmund, in seiner Videobotschaft an die Teilnehmer*innen: „Ich bin froh, dass auch in Zeiten der Pandemie die Tagung zumindest in diesem digitalen Format stattfinden kann.“ Nach der Einführung konnten die Teilnehmer*innen sich für eines von drei Panels entscheiden, in dem sie gemeinsam mit den Gästen unterschiedliche Aspekte des Themas diskutieren konnten.

Von Selbstverständnis, Glaubwürdigkeit und Fremdsicht

Das erste Panel beschäftigte sich mit dem Selbstverständnis von Journalist*innen. Dort diskutierten die freie Journalistin Celia Parbey, der Leiter des ZDF Studios in Washington Elmar Theveßen und Yannick Dillinger, der stellvertretende Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen über Grundsätze und Ziele ihres Berufes. In dem zweiten Panel standen Glaubwürdigkeit und Kritik im Vordergrund. Wulf Schmiese, Leiter des heute-journals und Margit Stumpp, Bundestagsmitglied und Sprecherin für Bildungs- und Medienpolitik der Grünen sprachen über ihre Erwartungen an den Journalismus und was er in Zukunft besser machen sollte. Thema des dritten Panels war die Selbstsicht und Fremdsicht auf den Journalismus. Dort diskutierten Thomas Nückel, FDP-Sprecher für Medien im nordrhein-westfälischen Landtag, Jana Klameth, stellvertretende Chefredakteurin der Tageszeitung freie Presse und der Medienkritiker Stefan Niggemeier.

Berichterstattung zur US-Präsidentschaftswahl

In der abschließenden Runde, in der wieder alle Teilnehmer*innen zusammenkamen, ging es aus aktuellem Anlass um die US-Wahlen und ihren Einfluss auf den Journalismus in Amerika und Deutschland. Elmar Theveßen berichtete über persönliche Erfahrungen während der Berichterstattung zu den Wahlen, kritisierte aber auch das Vorgehen vieler US-Medien. „Es wäre zu leicht, zu sagen, dass Donald Trump das Ansehen der Medien zerstört hat. Da haben die Medien durch ihre Bereitschaft, sich im politischen Spektrum zu positionieren und journalistische Grundprinzipien aufzugeben, auch selbst ein ganzes Stück zu beigetragen.“ Stefan Niggemeier gab außerdem zu bedenken: „Ich glaube, bei uns ist die Entwicklung nicht so schlimm wie in den USA, aber das ist kein Zeichen für Entwarnung. Es gibt diesen Empörungsjournalismus auch bei uns.“

Bei der Studie handelt es sich um eine Langzeitstudie. Das Team will Veränderungen abbilden und wird die Befragungen deshalb regelmäßig wiederholen. Neben Journalist*innen und Politiker*innen sollen in Zukunft auch Rezipient*innen, Wirtschaftsakteure und Technikpioniere zu Wort kommen. Für die Präsentation der neuen Ergebnisse sind weitere Veranstaltungen und Diskussionen geplant.