31.08.2021

„Ich gehörte gerne zu den Trüffelschweinen des Medienbetriebs“

Zum 40-jährigen Journalistik-Diplom-Jubiläum haben wir IJ-Absolvent Rüdiger Kahlke drei Fragen zum Journalismus und seiner Studienzeit gestellt.

Rüdiger Kahlke. Foto: privat

Rüdiger Kahlke studierte von 1976 bis 1981 am IJ Journalistik und gehörte damit zu den ersten Studenten und Absolventen unseres Instituts. Beworben hatte er sich nach dem Studium auf eine Stelle als Lokalredakteur beim Zeitungshaus Bauer in Marl – angeboten bekam er den Job als stellvertretender Leiter der Politik- und Nachrichtenredaktion. Bald darauf wurde ihm die Redaktionsleitung übertragen.

1985 bekam er das Angebot, als Reporter zur „metall“ nach Frankfurt zu gehen. Der Arbeitsvertrag war schon unterschrieben, als ihn Kollegen auf eine freie Stelle bei der Westfälischen Rundschau in Halver aufmerksam machten. Im Zwiespalt zwischen „großem Journalismus“ einerseits und Lokalredaktion samt privaten Erwägungen andererseits habe er sich für das Sauerland entschieden. Ein Kollege von ihm nannte Lokaljournalisten „die Trüffelschweine des Medienbetriebs“. Rüdiger Kahlke habe, wie er sagt, „gerne dazu gehört“ – bis die Westfälische Rundschau 2013 eingestellt wurde. 

Zum 40-jährigen Diplom-Jubiläum haben wir Rüdiger Kahlke drei Fragen zum Journalismus und seiner Studienzeit am IJ gestellt:

 

Ist Journalismus heute weniger wichtig oder wichtiger als vor 40 Jahren? Warum?

 

Es gibt immer noch Floskeln und Plattitüden („Saal bis auf den letzten Platz besetzt“, in dem dann „das Tanzbein geschwungen“ wird, es findet etwas statt oder wird durchgeführt), immer noch Hofberichterstattung und Terminjournalismus ohne Hintergrund oder Einordnung. Der Blick auf manch neue Formate, auf Fake News und die Verrohung der Sitten auf Social-Media-Kanälen beantwortet die Frage: Ja, Journalismus, der einsortiert, sich an Fakten orientiert, Hintergründe und Zusammenhänge aufzeigt und nicht nur schrill daherkommt, ist wichtiger denn je. Einfach, weil die Kanäle, über die diese Kakophonie verbreitet wird, mehr geworden sind.

 

Welche Fähigkeiten und Erkenntnisse, die Sie in Ihrem Studium am IJ erlernt und gewonnen haben, haben Sie durch Ihr Berufsleben begleitet?

 

Bei der bi-medial angelegten Ausbildung hatte wohl niemand die heutige mediale Breite so auf dem Schirm. Die Idee, flexibel sein zu müssen, war aber eine gute Grundlage. Das Studium hat mit dem Praxisbezug fit gemacht für den Job, aber auch Selbstbewusstsein vermittelt, eigene Wege zu gehen, statt einfach dem Mainstream zu folgen. Die Seminare von K. Koszyk und F. Michael haben das Bewusstsein geschärft für Sprache, F. Höbermann und S. Weischenberg haben für vermeintliche Randthemen und -gruppen sensibilisiert, U. Branahl und K. Eurich haben gelehrt, nicht einfachen Antworten und Lösungen zu vertrauen. U. Pätzold hat den Fokus auf die neuen Medien gelenkt.

 

An was aus Ihrem Studium am IJ erinnern Sie sich noch heute gerne zurück?

 

Atomkraft war ein politischer Konfliktstoff (Schlacht um Brokdorf). Mit Unterstützung der Lehrenden haben wir ein Kompaktseminar organisiert, um das emotional aufgeladene Thema zu erden. Prominenz aus Energiewirtschaft, Wissenschaft und Medien kam, um mit uns über Atomausstieg und Energiewende zu diskutieren. Dass die Diplomarbeit auf einer IBM-Kugelkopf-Maschine entstand, weil sie unterschiedliche Schriftarten erlaubte und ich für damalige Verhältnisse ein kleines Vermögen ausgeben musste, weil wegen eines technischen Defekts die Farbbänder schnell hin waren, gehört zu den Weißt-Du-Noch-Geschichten. Ebenso wie Karteikarten, die vor einigen Wochen beim Aufräumen auftauchten und Grundlage für die Diplom-Arbeit waren.

Legendär waren zum Semesterabschluss die Feten, zu denen Politik-Prof Winkler seine Studierenden in seinen Garten einlud. Zur Orientierungsphase gehörte auch ein Abend beim Sechs-Tage-Rennen in der Westfalenhalle. Man kam ins Gespräch. Daraus sind Freundschaften erwachsenen, die noch Bestand haben. Es war der Spirit von Offenheit für Ideen, Experimentierfreude und tollem Teamgeist, der noch sehr präsent ist.