19.08.2021

"Ich dachte: Mensch, die können ja auch schreiben"

Martin Rothenberg hat 1981 sein Journalistik-Diplom gemacht und gehörte damit zu den ersten Absolventen des Instituts für Journalistik. Hier erinnert er sich an seine Studienzeit zurück.

Martin Rothenberg. Foto: TU Dortmund

Bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im Juni 2021 hat Martin Rothenberg (ab 2014) den öffentlichen Auftritt der TU Dortmund als Redakteur im Referat Hochschulkommunikation mitgestaltet.

Seine beruflichen Stationen begannen Anfang 1980: Er startete als freiberuflicher (und einziger Mitarbeiter) der Pressestelle des Schering-Werks in Bergkamen, arbeitete (z.T. parallel) für den epd bzw. die VKK-Pressestelle in Dortmund, bis er auf die Position Interne Kommunikation/Personalmarketing bei der Bank für Gemeinwirtschat/BfG in Frankfurt am Main wechselte. Von 1988 bis 2005 arbeitete er als Wirtschaftsredakteur der Westfälischen Rundschau in Dortmund, gleichzeitig als Mitarbeiter für „nichtkonkurrierende Medien“ wie vdi-Nachrichten, Rheinischer Merkur, Reuters und auch mal für Spiegel und ZEIT. Von 2005 bis 2013 war er Leiter Kommunikation/regionales Marketing beim RWE-Konzern.

Zum 40-jährigen Diplom-Jubiläum haben wir Martin Rothenberg drei Fragen zum Journalismus und seiner Studienzeit am IJ gestellt:

Ist Journalismus heute weniger wichtig oder wichtiger als vor 40 Jahren? Warum?

Journalismus ist unverändert wichtig. Wer jemals in einer Pressestelle gearbeitet hat weiß, wie empfindlich Unternehmen und Institutionen (und natürlich die Politik) allein darauf reagieren, dass es einen unabhängigen Journalismus gibt. Eine „geschossene“ Hochrechnung: Auf einen aufgedeckten Skandal oder eine berichtete Eselei aus Firmen, Behörden oder Politik kommen sicherlich zwanzig Vorgänge, die dort nicht verbockt oder veranstaltet werden in der Furcht: „Was könnte dazu die Öffentlichkeit meinen?“

Welche Fähigkeiten und Erkenntnisse, die Sie in Ihrem Studium am IJ erlernt und gewonnen haben, haben Sie durch Ihr Berufsleben begleitet?

Lassen wir mal meine Fähigkeiten in Journalismus außen vor – der Studiengang Journalistik hat mir vor allem (Er-)Kenntnisse gebracht. Diese versuche ich ausschnittweise in verdichteter Sprache, manche sagen als Zitate, niederzuschreiben:

„98 Prozent der Journalisten sind arme Würstchen“. Prof. Kurt Koszyk 1977

„Ich habe Angst vor Atomkraft, Sie haben keine Angst vor Atomkraft. Dass Sie keine Angst vor Atomkraft haben, macht mir noch mehr Angst. Was sagen Sie eigentlich zu…..“ anmoderierte Frage meines Mitstudenten Matthias W. an einen Vertreter eines Energiekonzerns

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“ Hanns Joachim Friedrichs

„Das ist der ganze Jammer: Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel." Helmut Schmidt

Dieses Spannungsfeld, dass diese Zitate umreißen, hat mich während meiner gesamten Berufslaufbahn begleitet.

An was aus Ihrem Studium am IJ erinnern Sie sich noch heute gerne zurück?

Meine schönste Erinnerung an den Studiengang ist, dass sich dort eine wahrhaft diverse Gruppe zusammenfand. Das galt für die Lehrenden genauso wie für die Studierenden. Ich brauchte etwas Zeit, um dies herauszufinden (zumal ich damals das Wort divers noch gar nicht kannte). Die Starmannschaft Kurt Koszyk, Frauke Höbermann, Claus Eurich und Siegfried Weischenberg beeindruckte mich nicht nur mit ihrer wissenschaftlichen Kompetenz, sondern sie legten zu Studienbeginn eine gemeinsam verfasste Das Parlament-Ausgabe (das ist die Zeitung vom Bundestag) vor. Ich dachte: Mensch, die können ja auch schreiben.

Die meist älteren Mitstudis beeindruckten mich als Youngster durch zum Teil bewegte Lebensläufe, die sie während des Studiums fortsetzten: Vier machten eine Kneipe auf, einer arbeitete als Model, eine hatte eine Modelagentur, mehrere schrieben in den verschiedensten Spezialzeitschriften beispielsweise über Luftfahrt. Ein Studi trat mit pepita-gemustertem Jackett und der Aussage: „Ich bin ein Liberaler“ an – beides in den Nach-68-Wehen ein Unding. Er zog sein Ding durch und finalisierte beruflich als Quoten-Liberaler beim ZDF in Berlin seine Laufbahn. Schließlich startete ein Studi mit einem Kind, zum Vordiplom kam das zweite, zum Diplom das Dritte. Er wechselte mit letztlich vier Kindern in den Öffentlichen Dienst, wo es damals noch Kinderzuschläge gab.

Der Modellstudiengang Journalistik changierte zwischen einem Studium Generale und einer Journalistenausbildung. Und dieses Changieren war die beste Vorbildung für die anschließende Arbeit in einer Welt, die eben nicht nach einem binären Code programmiert ist. Auch heute noch lerne ich jeden Tag dazu, wenngleich ich das Gefühl habe, dass ich immer weniger zu sagen habe, wenn man mich nicht ausdrücklich auffordert.