26.03.2021

„Die Redaktionen sind stark von den Plattformen abhängig“

In unser März-Videokonferenz zur Medienzukunft haben Prof. Natali Helberger und Prof. Christoph Neuberger ihre Konzepte zur Zukunft von Plattformen im Zusammenspiel mit Medien vorgestellt. Neuberger plädierte dafür, sich dabei auf liberal-demokratische Werte zu besinnen. Helberger setzte sich in ihrem Impuls kritisch mit dem Digital Service Act der EU-Kommisssion auseinander.

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Prof. Natali Helberger (Bildnachweis: Jeroen Oerlemans) und Prof. Christoph Neuberger (Bildnachweis: Weizenbaum-Institut/Kay Herschelmann)

Christoph Neuberger, Professor für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft im Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften an der Freien Universität Berlin, stellte in seinem Impuls sein Konzept einer gemeinwohlorientierten Medienplattform vor. Er sagte, dass man dem digitalen Wandel nur gerecht werden könne, wenn die Werte der liberalen Demokratie als Ausgangspunkt zu Fragen der Regulierung, Vermittlung und Gestaltung genommen würden.

Als wichtige Werte listete Neuberger Gleichheit, Vielfalt, Machtverteilung, Kritik, Integration, Freiheit und Diskurs- und Informationsqualität auf, die untereinander und zum Wert von Sicherheit in Beziehung stünden. Neuberger formulierte unterschiedliche Fragen ohne abschließende Antworten, um eine Bestandsaufnahme vorzunehmen, wie präsent diese demokratischen Werte im Internet sind.

Zum Beispiel stellte Neuberger die Frage, ob Freiheit oder Kontrolle stärker ausgeprägt sei: Die These, das Internet nur als Ort der Freiheit zu betrachten, hat sich aus seiner Sicht jedenfalls nicht bewahrheitet. Wichtiger sei es, darüber zu diskutieren, wie die Freiheit gesichert werden könne, nicht nur von staatlicher Seite, sondern auch von den Plattformen. Neuberger sagte, dass es utopische Erwartungen an das Internet gegeben habe, was die Umsetzung der Werte liberaler Demokratien angehe, diese dann aber kaum umgesetzt worden seien.

„Den großen Wurf können wir nicht direkt landen“

Im Kontext des digitalen Wandels sieht Neuberger Vermittlungsleistungen, auch von Medien, als notwendig an, damit die Werte erfüllt werden könnten. Es sollten z.B. mehr Möglichkeiten zur Beteiligung geschaffen, vernünftige Diskurse ermöglicht und Qualitäts- und Diskursstandards gesetzt werden. Neuberger definiert Plattformen als relativ freie öffentliche Flächen, auf denen unterschiedliche Akteure öffentlich interagieren können. Anhand seiner Überlegungen zu Werten der liberalen Demokratie und Vermittlungsleistungen in der digitalen Öffentlichkeit entwarf Neuberger dann Leitfragen, wie eine neue Medienplattform, die am Gemeinwohl ausgerichtet ist, aussehen könne.

Die Vermittlung von Inhalten solle aus seiner Sicht nicht nur durch Journalistinnen und Journalisten, sondern auch durch Bürgerinnen und Bürger und Algorithmen, die stärker auf Vielfalt ausgerichtet sind, erfolgen. Darüber hinaus stelle sich die Frage der Inhalte: Neuberger plädierte dafür, erst einmal isolierte Inhalte aus festgelegten Kategorien, wie Journalismus, Unterhaltung und Bildung zu entwickeln und zu testen, wie diese funktionieren: „Den großen Wurf können wir nicht direkt landen“, sagte Neuberger.

Holger Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus am Institut für Journalistik an der TU Dortmund, fragte, wie Neuberger das Potential seiner Plattformvision, vor allem im Zusammenspiel mit kommerziellen Plattformen sehe. Neuberger antwortete, dass einerseits der technologische Vorsprung der Plattformen enorm sei und sich die Frage stelle, ob die Menschen überhaupt zu einer gemeinwohlorientierten Plattform wechseln würden.

Abhängigkeit der Medien

Andererseits warf er die Frage auf, ob die kommerziellen Plattformen bereit seien, mehr Verantwortung für die Qualität ihrer Inhalte zu übernehmen. Er sei da eher pessimistisch. Außerdem verwies er darauf, dass die Plattformen inzwischen auch für den Journalismus sehr wichtig seien: So liefen selbst die Recherche und Distribution von Inhalten inzwischen über die Plattformen. Für ihn steht fest: „Die Redaktionen sind stark von den Plattformen abhängig.“ Neuberger vermutet, dass dadurch möglicherweise kritische Inhalte über die Plattformen entschärft werden könnten und bekräftigt deshalb nochmal die Absicht, Alternativen zu schaffen, anstatt nur zu regulieren.

Der DSA festigt die Rolle der Plattformen


Natali Helberger, Professorin für Informationsrecht an der juristischen Fakultät der Universität Amsterdam, beschäftigte sich in ihrem Impuls zunächst kritisch mit dem Digital Service Act (DSA) der Europäischen Kommission. Aus Helberger Sicht ist es wichtig, dass die EU-Kommission von unabhängigen Dritten, wie der Wissenschaft, Faktencheckern, den Medien und der Gesellschaft unterstützt werde. Sie kritisierte allerdings, dass im DSA kaum geregelt sei, wie diese Gruppen unterstützt werden könnten.

Als Beispiel für einen Missbrauch seiner Marktstellung nannte Helberger u.a. den Facebook News-Algorithmus, mit dem die Plattform entscheidet, wer wann welche Inhalte zu sehen bekommt. Helberger erinnerte daran, dass Facebook mithilfe des Algorithmus schon bestimme, welche Posts Nutzerinnen und Nutzer in ihrem Newsfeed angezeigt bekommen.

Helberger kritisierte, dass sich die EU-Kommission im DSA kaum mit dem News-Algorithmus auseinandergesetzt habe. Sie zitierte aus einer Passage des DSA, in dem steht, dass Usern die Option gegeben werden müsse, zu entscheiden, ob sie mehr News- oder Unterhaltungscontent angezeigt bekommen möchten, es aber bei Verstößen überhaupt keine Folgen für die Plattformen gebe.

Ihr Hauptkritikpunkt sei es aber, dass der DSA die Rolle der Plattformen als Herrscher über das Internet implizit manifestiere. Plattformen würden nach wie vor nur als Vermittler von Informationen angesehen – dass sie ihr eigenes Interesse daran hätten, wie die Medienlandschaft aussehen solle, werde im DSA ausgeklammert. Die Konsequenz sei, dass Plattformen die Medien immer stärker an sich binden würden und so ihre Meinungsmacht weiter ausbauen könnten. Helberger machte deutlich, dass es aus ihrer Sicht darum gehe, die strukturellen Abhängigkeiten zwischen Medien und Plattformen, wie sie durch Googles Fonds zur Finanzierung des Journalismus aufgebaut wurden, abzubauen.

Wie kann geistiges Eigentum geschützt werden?


Diese Abhängigkeiten würden auf EU-Ebene zu wenig adressiert und in die Verantwortung der Mitgliedsländer übergeben, sagte Helberger. Helberger habe nur wenig Hoffnung, dass die News-Algorithmen mithilfe des DSA reguliert würden. Sie hoffe eher auf den Digital Markets Act, mit dem die EU schärfere Instrumente habe. Ansonsten verblieben nur noch Regulierungsmöglichkeiten auf Ebene der Nationalstaaten, z.B. durch alternative Plattformen, stärkeren Investitionen in unabhängige Medien und einer Überprüfung von Kartellregeln bzgl. von Medienkonzentration.

Helmut Hetzel, Ehrenpräsident der Vereinigung Europäischer Journalisten EJ, nahm die Perspektive von Journalistinnen und Journalisten ein. Er sehe das Problem, dass diese eher Individualisten seien und sich gegen die Macht der Tech-Konzerne kaum zu Wehr setzen könnten. Es sei vielmehr notwendig, dass sich eine breite Allianz bilde, nur so habe man eine Chance. „Wir haben uns der Macht von Google und Facebook ausgeliefert, seitdem die Medienkonzerne ihre Inhalte frei zur Verfügung gestellt haben“, so Hetzel. Seine Frage an Natali Helberger: Wie könne man Google dazu bringen, dass Journalistinnen und Journalisten dafür, dass sie ihr geistiges Eigentum geben, vernünftig entlohnt würden?

Helberger antwortete, dass sie, was das „australische Modell“ angeht, Zweifel habe, da das Geld dann eher an die Verlage und weniger an die Journalistinnen und Journalisten gehe. Aus ihrer Sicht ist die niederländische Online-Nachrichtenplattform Blendle ein besseres Konzept.

Wo sind die Sensibilität und Professionalität?


Darüber hinaus sagte Helberger, dass inzwischen viele Menschen begriffen hätten, dass sie einigen Inhalten auf den Plattformen nicht vertrauen könnten und sie deshalb wieder zu journalistischen Nachrichten zurückkämen. Sie sehe die Medien nicht als verloren an. Vielmehr gebe es auch für sie Möglichkeiten mit News-Algorithmen zu arbeiten, die die Menschen z.B. wirklich klüger machten. Für diese Inhalte würden sie dann möglicherweise auch bezahlen.

Holger Wormer warf die Frage auf, ob es für Journalistinnen und Journalisten überhaupt möglich sei, die großen Verlage auf ihre Seit zu bekommen. Aus seiner Sicht seien die schon viel zu abhängig von den Plattformen. „Ich zucke zusammen, wenn mir jemand von einem Radiosender sagt, schicken Sie eine WhatsApp ins Studio“, sagte Wormer. Wo sei da die Sensibilität?, fragte er. Es sei wichtig, schon in der Ausbildung und in Journalistenverbänden auf Datenschutzbedenken gegenüber solchen Diensten hinzuweisen.

Helmut Hetzel verdeutlichte, dass ihm, was dieses Thema angehe, die Professionalität von Journalistinnen und Journalisten fehle. Google stehle geistiges Eigentum und sei, wie Facebook, zu mächtig geworden. Aus seiner Sicht müssten die Regulierungsbehörden mit härteren Mitteln, wie Zerschlagung, reagieren.

Aus Sicht von Natali Helberger ist eine Zerschlagung nicht realistisch, da hier der politische Wille fehle, es brauche vielmehr kleinere Lösungen. Sie setzte nochmal bei Wormers Vorschlag von Bildung an. Es sollten nicht nur Journalistinnen und Journalisten sensibilisiert werden, sondern auch die Bevölkerung insgesamt. Das könnten auch Journalistinnen und Journalisten leisten, so Helberger. Darüber hinaus warf sie die Frage in den Raum, warum News nicht ähnlich wie Filme und Musik behandelt würden, die könne man schließlich auch nicht mehr legal kostenlos downloaden.

Das Geschäftsmodell verbieten?


Stephan Mündges, wissenschaftlicher Mitarbeiter vom Institut für Journalistik, nahm Bezug auf den Vorschlag des Vorstandsvorsitzenden Matthias Döpfner des Springer-Konzerns, den Plattformen ihr Geschäftsmodell des Trackings und von personalisierter Werbung zu verbieten. Er fragte Natali Helberger, was sie davon halte. Helberger sagte, dass viele Medien ebenfalls personalisierte Werbung nutzten und sie sich davor verwehre, eine bestimmte Technologie als „Teufel“ anzusehen.

Personalisierungen könnten auch nützlich sein. Google nutze z.B. wenig personalisierte Werbung und greife trotzdem einen Großteil der Werbeeinnahmen ab. Sie denke nicht, dass ein solches Verbot sinnvoll sei: „Dann gehen sie einfach weg aus Europa“, sagte Helberger. Sie plädiere eher dafür, wie im Digital Markets Act vorgeschlagen, Verlagen die Möglichkeit zu geben, Einsicht in die Daten der Tech-Konzerne zu bekommen, um so ihre Werbung selbst optimieren zu können.

Die nächste Videokonferenz zur Medienzukunft findet am 21. April statt.