Als innovative Videojournalistin in Paris unterwegs

IJ-Absolventin Stefanie Vollmann nutzte ihre Abschlussarbeit am Institut für Journalistik, um neue Formen des Erzählens und Gestaltens im Film auszuprobieren. Der Ort ihres Experiments: Paris. In elf Interviews mit Bewohnern, die sie zufällig in der französischen Metropole getroffen hat, porträtiert sie die Stadt. Hier beschreibt sie ihre Erfahrungen.

Stefanie Vollmann

Ein Videojournalist (VJ), also ein Fernsehautor, der seinen Film selbst dreht und schneidet und im Extremfall sogar auch vor der Kamera steht: „Billigjournalismus“ - mehr nicht. Viele Medienmacher haben diese oder eine ähnliche Meinung über VJs, sie sind billig, nichts weiter. Eingesetzt werden sie in der Deutschen TV-Landschaft meistens als Lieferanten für Nachrichtenfilme, ihre Ergebnisse: Billiger als die von Teams, aber durch die Mehrfachbelastung unter Zeitdruck häufig auch schlechter. In gewisser Weise bestätigt der VJ mit diesen Ergebnissen also die Annahme, er sei nur die Billigvariante von Kamera- und Autoren-Teams.

Was aber, wenn die Argumentationskette völlig falsch verknüpft ist? Was, wenn VJs in der Praxis genau dort eingesetzt werden, wo ohnehin ihre größten Schwächen liegen und sie so gar nicht erst die Chance bekommen, ihre eigentlichen Stärken auszuspielen? Nähe, Authentizität, Flexibilität, eine besondere gestalterische Handschrift durch die Bündelung aller gestalterischen Ebenen und die Entwicklung einer intensiven, subjektiven Erzählperspektive sind Stärken, die in der Literatur und nach verschiedenen Gesprächen mit anderen VJs und Redakteuren gelten. Wohin aber mit diesen Fähigkeiten in der stark formatierten TV-Landschaft - insbesondere im Bereich von Nachrichten? WDR-Hier und heute-Redaktionsleiter, Maik Bialk, erklärt die Problematik der Nichtausnutzung des VJ-Potentials im Fernsehen so: „Die VJs machen aus ihrer Subjektivität und Flexibilität zu wenig; sie versuchen zu sehr klassische Produktionsweisen zu imitieren bzw. so zu kompensieren, dass die VJ-Produktion nicht auffällt“, meint Bialk. „Die eigenen Stärken werden zu wenig ausgespielt und offensiv kenntlich gemacht.“

Im Rahmen meiner Masterarbeit wollte ich also einen VJ-Film produzieren, der die potentiellen Stärken von VJs ausnutzt und im Idealfall auch die VJ-Schwächen durch unkonventionelle Lösungswege kompensiert.

„Paris par Hasard“ ist ein Porträt von Paris anhand von elf Menschen, die ich zufällig in der Millionenstadt traf und mit der Kamera in ihrem Alltag begleitete. Keiner der Gefragten verweigerte mir ein Interview – vielleicht, weil ich so flexibel und nahbar als VJ war?

Als große Schwäche von VJs gelten insbesondere Interviewsituationen. Häufig ist der Ton schlecht und der VJ vom Inhalt der Antworten abgelenkt, da er zu sehr mit der Technik beschäftigt ist. In „Paris par Hasard“ löste ich diese Problematik, indem ich mich von der Fernsehkonvention „ein Fernsehinterview wird immer mit Bild und Ton geführt“, verabschiedete. Ich führte die Interviews ausschließlich über den Ton und legte diesen hinterher unter das Bildmaterial – die Menschen erzählen so ihre eigenen Geschichten.

Und die Erzählung? Die ist in dem Film aus der Ich-Perspektive, aber anstatt meines Gesichts sieht man nur meine Füße, wie sie durch Paris laufen. Dazu befragte ich unter anderem anschließend einzelne Rezipienten, ihre Antworten überraschten mich: Kein Zuschauer bemängelte die fehlenden "talking heads" der Protagonisten. Vielmehr fanden sie die gewählte Interview-Collagen-Variante „lebhafter“, „interessanter“ und „authentischer“. Also auch ohne Gesichter wurde der Zuschauer mitgenommen.

Alles in allem ist meine Masterarbeit ein Appell, neue erzählerische, gestalterische und technische Möglichkeiten in der Umsetzung von Filmen auf ihre systemunabhängigen Stärken und Schwächen abzuklopfen. Denn wenn Neues nur in Altes eingegliedert wird, gibt es vielleicht Kosteneinsparungen im alten System, aber Innovationen bleiben auf der Strecke.


Abstract

„Der Videojournalist in narrativen Langformaten“ – Eine Chance für neue authentische und unkonventionelle Narrationsformen in der zunehmend formatierten TV-Landschaft?

Digitalkameras und einfache Schnittsoftware ermöglichen es, dass rein theoretisch jeder Fernsehjournalist seine Beiträge als Videojournalist (VJ) selbst drehen und schneiden kann. Im Internet hat diese Entprofessionalisierung bereits zu innovativen Genre-Mischungen geführt. Im Fernsehen hingegen verstärkt sich derzeit speziell im Bereich erzählerischer Genres (Reportage, Feature, Dokumentation) der Trend zur Formatierung. Werden innovative Potentiale in der journalistischen Fernsehproduktion in Deutschland also nicht genutzt? Beispielhaft wird diese Frage am Einsatz von VJs in erzählerischen Formaten untersucht. Methodisch wird hierfür eine Literaturanalyse mit einer qualitativen Befragung von Redakteuren und VJs sowie einer Befragung der Zuschauer des für diese Arbeit produzierten VJ-Films „Paris par Hasard“ kombiniert.


Das Ergebnis

Während VJs durch Authentizität, Nähe, Kreativität und Flexibilität überzeugen, gehören zu ihren Schwächen inhaltliche und technische Mängel, die sich unter Zeitdruck verstärken. Diese Attribute eignen sich für die Produktion „freier“ narrativer Filmbeiträge - in der Praxis werden VJs jedoch meist in formatierten tagesaktuellen Produktionen und somit konträr zu ihren Potentialen eingesetzt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Potentiale neuer Produktionsformen erst identifiziert werden müssen, um sie ideal zu nutzen. Denn wenn Neues lediglich in alte Strukturen eingegliedert wird, bringt das vielleicht Kostenersparnisse, aber keine Innovationen.

101 Seiten, Abgabe: Februar 2017, Bearbeitungszeit 4 Monate